Double-loop learning: Wie Lernen zum Kulturwandel führt

Jede Transformation – so wie jeder Wandel – muss durch das Tal der Tränen schreiten. Eine Einführung von Scrum ist da keine Ausnahme. Denn das Management-Framework Scrum alleine macht kein Team oder Unternehmen agil, wenn die Einführung nicht mit einem Kulturwandel einhergeht, der in der Regel schwierig bis schmerzhaft sein kann.

Wenn Sie Scrum einführen, werden Sie nicht automatisch schneller produzieren. Vielmehr wird Ihnen das Scrum-Framework dabei helfen, Ihre Arbeitsweise zu verbessern, indem Sie zwei Typen von Fehlern erkennen: 1. Fehler, die beim Erstellen des Produkts entstehen, z. B. Bugs oder falsche Annahmen darüber, was der User braucht, 2. Fehler im Arbeitsablauf, sprich solche, die den ersten Fehlertyp begünstigen. Chris Argyris beschreibt in seinem Buch „Organizational Learning“ organisationales Lernen als Lernen über Fehleridentifizierung. Laut ihm lernt eine Organisation, wenn sie sich auf beide Fehlertypen fokussiert, in zwei sich ergänzenden Formen. Also doppelt, double-loop learning eben.

Single vs. Double 

Single-loop learning konzentriert sich auf das Beobachtbare: Arbeitsprozesse und Abläufe. Double-loop learning setzt eine Stufe tiefer an: bei den Regeln und Überzeugungen. Das System selbst wird hier hinterfragt. Wenn Sie erarbeiten, wie Sie ein crossfunktionales Team aufsetzen, ist das single-loop learning. Wohingegen Sie beim double-loop learning hinterfragen (und erarbeiten), warum Ihre Teams crossfunktional sein sollen. Wenn ein Scrum-Team verschiedene Techniken für das Schätzen des Backlogs erkundet, ist das single-loop learning. Wenn es aber hinterfragt, ob Schätzen überhaupt notwendig ist und nach alternativen Wegen sucht, das Bedürfnis nach Vorhersagbarkeit zu befriedigen, dann ist das Double-Loop Learning. Ein weiteres Beispiel: wie wir Velocity messen (Single), warum wir Velocity messen (Double).

Beim single-loop learning verbessern wir, was im bestehenden System möglich ist. Beim double-loop learning hinterfragen und verändern wir das bestehende System. Es ermöglicht grundlegende Verhaltensänderung, die über situatives Ändern hinausgeht (also einen Kulturwandel). Dabei stellen wir Überzeugungen, Werte und Annahmen in Frage. Deshalb ist double-loop learning tiefgreifender und oft langwieriger.

Warum ist das wichtig?

  1. Umgang mit Komplexität: Beide Lerntypen sind wichtig für kontinuierliche Verbesserung. Aber bei komplexen Arbeiten, für die wir nicht auf Erfahrungen aus der Vergangenheit zurückgreifen können, spielt laut Argyris double-loop learning die zentralere Rolle – also in einer Umgebung, in der Teams sich nicht nur ständig fragen, wie sie ihre Arbeit machen sollen, sondern auch warum. Warum planen wir die Arbeit und wozu erstellen wir Berichte? Wenn ein Team oder eine Organisation nachhaltig Ursachen von Fehlern beseitigen will, ist der double loop essenziell. Dabei werden Prozesse und Abläufe auseinandergenommen und eine tiefere Analyse möglich.
  2. Transformation durch Kulturwandel: Deshalb bringt die Einführung von Scrum, wenn sie sich nicht nur auf die Methoden beschränkt, sondern tiefer geht, einen Kulturwandel mit sich. Es ist nicht ungewöhnlich, wenn hochqualifiziertes Fachpersonal in eine defensive Haltung übergeht, weil Praktiken und Kompetenzen in Frage gestellt werden, welche es vorher zum Erfolg gebracht haben. Tiefgreifende und antrainierte Überzeugungen in Bezug auf Risiken, Kontrolle und Führungskultur werden mit double-loop learning und dem damit verbundenem hohem Aufwand aufgebrochen. Wenn die Betroffenen verstehen, dass die neuen Methoden und Frameworks demselben Ziel dienen, fällt auch meist die defensive Haltung.

Wie können Sie double-loop learning für die Transformation nutzen?

Lernen setzt Kräfte frei, mit denen Teams agiler werden. Dabei überwinden sie Widerstände und treiben so ihre Transformation und die der Organisation voran. Scrum gibt Teams den Rahmen, beide Lerntypen anzuwenden. Insbesondere die Retrospektive bietet Raum für double-loop learning. Für manche Veränderungen ist single-loop learning ausreichend und sogar sinnvoller, z. B. beim Entdecken neuer Techniken oder Herangehensweisen an die Arbeit. Aber tiefgreifenderen Veränderungen geht ein double-loop learning voraus, bei dem die Regeln und der Sinn der Arbeit hinterfragt werden.

Titelbild: ThirdmanPexels

Agile Sketch von Sina Tisch nach der Vorlage von Steffen Bernd. Agile Sketching ist eine Visualisierungstechnik, die man lernen kann. Hier erfahren Sie mehr.

Geschrieben von

Steffen Bernd Steffen Bernd Ob es Prozesse, Organisationen oder ihn selbst betrifft – Verbesserungen sind Steffen Bernds Leidenschaft. Vor allem, wenn dabei konstruktives Feedback und Motivation Hand in Hand gehen. In seinem Werkzeugkoffer findet er dafür neben den agilen Methoden auch Coaching- und effektive Kommunikationsansätze. Als erfahrener und zertifizierter Business Coach mit einer Affinität für Sprachen versteht er sich sowohl auf das Analysieren als auch auf das kreative Zusammenarbeiten. Seine Schwerpunkte setzt er in Lean Six Sigma, agile Prozessbegleitung und effektiver Kommunikation. Seine Freizeit verbringt er am liebsten mit seinem Sohn, beim Crossfit oder als ehrenamtlicher Lifecoach für Hilfsorganisationen.

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